Die auticon-Story
Ich war bis 2006 als Manager in verschiedenen Industrieunternehmen tätig, zuletzt als Vorstand in einem Medizintechnik-Unternehmen. Im gleichen Jahr erhielt eines unserer vier Kinder die Diagnose Autismus. Ab da tauchten meine Frau und ich tief in das Thema Autismus ein. 2008 waren wir zu Besuch in einer Autismus-Selbsthilfegruppe zum Thema „Autismus und Arbeit“.
Auslöser
Alle 20 Teilnehmer:innen erzählten von ihren bisherigen beruflichen Erfahrungen. Viele hatten Abitur, einige hatten studiert und zwei sogar promoviert. Am Ende war klar: alle 20 waren arbeitslos. Und zwar nicht, weil sie fachlich nicht geeignet gewesen wären, sondern allein auf Grund ihrer Probleme in der sozialen Interaktion und Kommunikation. Damals waren nicht nur diese 20 arbeitslos, sondern fast alle Autist:innenen in Deutschland. Wir sprechen hier von etwa 90%. Wir waren tief geschockt und dachten natürlich sofort an die berufliche Perspektive unseres Sohns.
Neben unserem Sohn gibt es noch weitere etwa 800.000 Menschen mit Autismus in Deutschland. Ungefähr die Hälfte davon ist so schwer betroffen, dass sie dem ersten Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht. Die andere Hälfte bringt die intellektuellen Fähigkeiten für den ersten Arbeitsmarkt mit, trotzdem sind sie arbeitslos. Hier liegt es tatsächlich daran, dass der Grund hierfür die Probleme in der sozialen Interaktion und Kommunikation sind. Was heißt das genau?
Anforderungen der Arbeitswelt
Natürlich ist der wichtigste Grund für die sehr hohe Arbeitslosigkeit von Autistinnen und Autisten der Arbeitsmarkt und seine spezifischen Anforderungen, die an neurotypischen Menschen orientiert sind. Es werden selbstverständlich hohe Kommunikationskompetenzen, geschmeidiges Sozialverhalten, Teamfähigkeit, hohe Selbständigkeit und Multitasking gefordert.
Diese Anforderungen treffen auf neurodivergente Mitarbeiter:innen und hier beginnt bereits die erste große Hürde: wie schon erwähnt, haben neurodivergente Menschen oft Probleme mit sozialer Interaktion und Kommunikation. Dieser Punkt ist zentral, ob die Integration von neurodivergenten Mitarbeitern klappt oder nicht klappt. Unsere Lösung für dieses Problem war von Beginn an der Einsatz von geeigneten Job Coaches.
Gründungsvorbereitungen
Mit all dem Wissen um die Herausforderungen und Stärken autistischer Menschen stellten meine Frau und ich uns die Frage: „Wie wäre es denn, wenn wir ein Unternehmen gründen, wo Autisten optimal unterstützt werden durch den gezielten Einsatz von Job Coaches und zusammen mit neurotypischen Mitarbeiter:innen arbeiten. Und zwar in einem sicheren Job als Festangestellte. Aus dieser Frage entstand 2009 die Idee zur Gründung von auticon. Es gab damals zwar bereits die eine oder andere Unterstützung für Autist:innen im Arbeitsmarkt, aber die eigentlichen Potenziale wurden nie wirklich ausgeschöpft.
Mit auticon wollten wir zeigen, dass man sozialen Anspruch mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit verbinden kann, wie aus vermeintlichen Schwächen Stärken werden können. Dazu brauchte es ein passgenaues Unternehmen. Die Grundidee für das Unternehmen war klar umrissen: auticon wurde als eine IT-Beratungsgesellschaft konzipiert. Das heißt, es werden IT-Aufträge in der freien Wirtschaft akquiriert, bspw. eine Systemmigration oder eine Entwicklungsaufgabe für ein Unternehmen, das Unterstützungsbedarf hat. Die autistischen Consultants erbringen dann die Leistung vor Ort oder online. Wenn das Kundenprojekt nach ca. 2 Wochen oder 6 Monaten beendet ist, schreibt auticon eine Kundenrechnung und das Spiel beginnt von vorne. In diesem Markt der IT-Beratung gibt es natürlich enorme Konkurrenz von großen und kleineren Beratungsgesellschaften. Deshalb wurde auticon nicht als gemeinnützige gGmbH gegründet, sondern bewusst als ganz normale GmbH. Das ist notwendig, um in diesem Markt überhaupt ernst genommen zu werden und nicht von vornherein als Spendensammler gesehen zu werden. auticon ist also ein gewinnorientiertes Sozialunternehmen mit der Devise „Je mehr Umsatz und Gewinn wir machen, desto mehr Menschen mit Autismus können wir einstellen“. Dieser Ansatz begeisterte nicht nur mich, sondern auch Investoren, die sich im sozialen Bereich engagieren wollen, aber auch eine faire Rendite erwarten. Dadurch stand auch erst mal genügend Kapital, nämlich 500.000€, für den Start zur Verfügung.
Der Start mit Job Coaches
Um mich zu 100% auf die Gründung von auticon zu konzentrieren, kündigte ich 2011 meinen Vorstandsposten bei einem Medizintechnikunternehmen und startete mit 54 Jahren noch mal ganz neu. Im nach hinein kam mir meine große Erfahrung als Führungskraft in der freien Wirtschaft zugute, weil ich die Erwartungen der Unternehmen gut verstehe.
Die erste Personalmaßnahme war die Einstellung einer Job-Coachin. Job Coaches sind der Dreh-und Angelpunkt bei auticon. Ihre Hauptaufgabe ist eine Übersetzungsfunktion, und zwar zwischen neurotypischen und neurodivergenten Mitarbeitern. Das ist deswegen so überaus wichtig, da wir bei auticon auch viele neurotypische Mitarbeiter haben, aber eben auch neurotypische Kunden. Das heißt, genau hier muss eine kommunikative Brücke gebaut werden, und zwar durch Job Coaches.
Akzeptanzgewinn durch Augenhöhe
Von Beginn an haben wir auf eine fundierte wissenschaftliche Begleitung durch die Freie Universität Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Isabel Dziobek als Autismus-Expertin gebaut. Da wir ein interessantes Startup mit einem einzigartigen Ansatz waren, hatten wir ein großes Medieninteresse, was wiederum den Kontakt zu großen Unternehmen deutlich erleichterte. Die ersten Projekte liefen gut und nach und nach konnte sich auticon einen guten Namen in der Beratungsszene erarbeiten. Schnell war klar geworden, dass aus Sicht der Kundenunternehmen autistische Mitarbeiter:innen fachlich hervorragende Arbeit leisten. Die spezifischen Anpassungsmaßnahmen fielen kaum ins Gewicht.
Heute ist auticon ein Unternehmen mit Standorten in 16 Ländern und ca. 600 Mitarbeiter/innen.