Der Wert von Job Coaches

Natürlich ist der wichtigste Grund für die sehr hohe Arbeitslosigkeit von Autist:innen der Arbeitsmarkt und seine spezifischen Anforderungen, die an neurotypischen Menschen orientiert sind. Es werden selbstverständlich hohe Kommunikationskompetenzen, geschmeidiges Sozialverhalten, Teamfähigkeit, hohe Selbständigkeit und Multitasking gefordert.

Diese Anforderungen treffen auf neurodivergente Mitarbeiter:innen und hier beginnt bereits die erste große Hürde. Neurodivergente Menschen haben oft Probleme mit sozialer Interaktion und Kommunikation. Dieser Punkt ist zentral, ob die Integration bzw. Inklusion von neurodivergenten Mitarbeitern klappt oder nicht klappt.

Menschen mit Autismus haben vielfach Probleme mit der Perspektivübernahme von anderen, das heißt, es fällt ihnen sehr schwer, sich in die Situation anderer hineinzuversetzen. Das heißt, dass die konkreten Absichten der Gesprächspartner manchmal nicht erkannt werden. Dazu gehört auch das Erkennen und Interpretieren nonverbaler Signale. Als selbstverständlich vorausgesetzte soziale Regeln werden oft missinterpretiert. Letztlich verstehen sie auch vieles wortwörtlich, was nicht wörtlich gemeint ist. Die Kommunikation ist meistens sehr direkt und zielgerichtet, soziale Schnörkel kommen selten vor. Small-Talk, gesellige Runden und Feiern sind sehr oft die reinste Qual für Autisten. Das alles stellt natürlich eine Herausforderung für beide Seiten dar.

Die erste Personalmaßnahme bei auticon war die Einstellung einer Job-Coachin. Job Coaches sind der Dreh-und Angelpunkt bei auticon. Ihre Hauptaufgabe ist eine Übersetzungsfunktion zwischen neurotypischen und neurodivergenten Mitarbeitern. Das ist deswegen so überaus wichtig, da wir bei auticon auch viele neurotypische Mitarbeiter:innen haben, aber eben auch neurotypische Kunden. Das heißt, genau hier muss eine kommunikative Brücke gebaut werden. Und exakt diese Aufgaben übernehmen die Job Coaches.

Womit die Job Coaches und ich niemals gerechnet hätten: einige unserer autistischen Mitarbeiter:innen wurden später von auticon-Kunden abgeworben. Sie hatten einfach so gut gearbeitet, dass das Unternehmen diese Mitarbeiter:innen behalten wollten. Statt empört oder verärgert zu reagieren, haben wir bei auticon gesagt: „Wir haben leider gute Mitarbeitende verloren, aber eine bessere Bestätigung für unsere Arbeit können wir gar nicht bekommen. Wir sind jetzt auf Augenhöhe angekommen und sehen das als Kompliment für die Qualität unserer autistischen Mitarbeiter.“

Aber auch das Feedback eines Kundenunternehmens während eines Vor-Ort-Einsatzes bei einem großen deutschen Industrieunternehmen hat vor allem unsere Job Coaches sehr gefreut. Es lautet: „Seitdem Ihr Mitarbeiter bei uns unterstützt, hat sich die Kommunikation bei uns im Unternehmen deutlich verbessert.“ Das hat uns überrascht. Der Hintergrund dazu: neurotypische Menschen wollen oft im Berufsleben besonders höflich und freundlich sein und sagen Sätze wie: „Es wäre echt nett von dir, wenn du mir bei Gelegenheit bei ein paar Aufgaben helfen könntest.“ Das ist ein Satz, der für autistische Menschen nicht zu verstehen ist. Warum nett, was heißt bei Gelegenheit, was ist die präzise Aufgabe, warum Konjunktiv? Autist:innenen benötigen Aufgabenbeschreibungen nach dem Motto „Bitte erledige die Aufgabe X in der Form Y bis 18.00 Uhr. Danke.“ Diese klare Form der Kommunikation haben die neurotypischen Mitarbeitenden bei auticon erst mühsam erlernen müssen. Mittlerweile ist das Standard. Das ist ein gutes Beispiel, dass sowohl die neurotypischen und neurodivergenten Mitarbeitenden dazulernen, um eine gemeinsame Kommunikationsbasis zu schaffen.